Long Distance Calling - Wo kommen die ganzen Verrückten her?

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Mag 15 2010, 21:29

Wed 12 May – Long Distance Calling, IRA, At The Soundawn

Schicht im Schacht: So langsam geht es zu Ende mit dem guten alten Substage, wie man es kennt. Seit mehr als drei Jahren wird er nun angekündigt, jetzt steht der endgültige Umzug kurz bevor. In dieser Woche wird nochmal kräftig abgefeiert in der liebgewonnenen ehemaligen Unterführung.
Und eröffnen dürfen diese Konzertreihe drei wahre Juwelen. Geboten wird dem geneigten Besucher und Musikfreund eine abwechslungsreiche Mischung, die tatsächlich von Jazzklängen bis zu Blastbeats führt!

Angekommen in den mittlerweile sehr gewohnten Räumlichkeiten erblickt man zu großem Erschrecken erst einmal fast gähnende Leere. Doch alle Aufregung ist natürlich für den, der das Spielchen bereits kennt, völlig umsonst. Der erste Eindruck wird besonders zur großen Freude des Hauptacts Lügen gestraft.

Aus Italien kommt die Band, die die Ehre hat, den Abend einzuleiten. At the Soundawn sind Meister darin, zwischen härteren metallastigen Parts mit Growlgesang und ruhigeren klar besungenen progressive Rock-Abschnitten zu wechseln und es dabei als wundervoll stimmiges Gesamtkonzept abzuliefern. Als ob das nicht schon gut genug klingen würde, kommen auch noch eingewobene Jazz-Stückchen mit in den Stoff, aus dem Progressive-Träume sind, denn tatkräftig unterstützt wird die Stromfraktion von einem Blechbläser und seinen Utensilien.
Zu Beginn des Auftritts ist noch ausreichend Sicherheitsabstand zur Bühne geboten, sodass es ein leichtes ist, sich ein hindernisfreies Blickfeld zu verschaffen. Die Band beginnt direkt mit dem vollen Programm. Der Sänger bedient sich ausdrucksstark des Mikrophons, unterstreicht die Musik mit seiner Performance. Zwischendurch verkünstelt er sich an einigen Synthesizerreglern, die neben ihm auf einem Tisch angerichtet Platz finden. Im Hintergrund agiert abschnittsweise der Mann an den Trompeten. Kurzum, die Truppe zeigt, dass sie es drauf hat.
Kommt es zum Klargesang, dürfen es auch schonmal ein paar kleine Experimente sein, so vergehen einige dutzend Sekunden zum Beispiel damit, dass der Sänger einfach nur ins Mikro haucht oder hohe "hu's" von sich gibt. Im normalen Gesang brilliert er ebenso wie beim harten Gegenpart, bis auf einige wenige Ausrutscher, bei denen die Stimme dann doch nicht so ganz mitmacht, wie gewünscht, aber das bleibt nur die rare Ausnahme. Während der ab und an längeren Instrumental- beziehungsweise Solostrecken stellt sich der Frontmann diskret an den Bühnenrand und genießt seinerseits selbst die Show. Mit seinem charmanten Akzent und dem gepflegten Auftreten in Hemd und Lackschuhen verpasst er sich und der Band nochmal eine eigene fast schon elegante Note.
Auf den respektablen Applaus am Ende des Auftritts weiß der Drummer gekonnt noch eine passende Reaktion und trennt sich mit überschwänglicher Gestik von einem seiner Sticks, als würde sich vor der Bühne eine fanatische Teeniemeute befinden. Ein durchaus humorvoller Abgang!

IRA (gesprochen /ˈaɪrɑː/) aus Konstanz sind die nächsten, die die Bretter erklimmen dürfen. Verschrieben haben sie sich einer ganz besonderen Sorte einfühlsamer, melancholischer Indie- beziehungsweise Rock-Musik, die von introvertiert und zurückhaltend bis direkt und zielgerichtet das ganze Ausdrucksspektrum abdeckt. So kann man sich im einen Moment an britische Indiebands a'la The Smiths erinnert fühlen, und nach einigen Minuten wird man von kraftvollen doomigen Klangwänden erdrückt. Die Stimme des Sängers variiert dabei ebenso von behutsam sanft und zurückhaltend, John Frusiante'esk, bis zu energisch und aufgebracht, ja sogar fast schon rauh.
Insgesamt wirkt die Truppe auf der Bühne eher in sich gekehrt, gerade der Frontmann schottet sich völlig von der ihn umgebenden Welt ab, bewegt sich permanent in zuckenden Bewegungen zur Musik. Sein Kopf ist fast ständig am Nicken, dabei bleiben seine Augen oft geschlossen. Wenn er mit seinen Armen das Schlagzeug imitiert, muss man zwangsläufig an Joe Cockers legendären Woodstock-Auftritt denken. Ab und an könnte man meinen, er sei betrunken, doch das ist nicht der Fall. Völlig in den Kompositionen aufgehend legt Hoffmann eine riesige Portion Emotionen in seinen Gesang und gibt zusammen mit den Instrumenalisten der Musik einen Tiefgang, der einem diverse Schauer über den Rücken wandern lässt.
Die Songs ziehen ihre enorme Wirkung aus der Langgezogenheit, so können kleine Ewigkeiten vergehen, in denen das gleiche Riff immer wieder ertönt, das Lied dabei immer weiter anschwillt, bis es kaum mehr auszuhalten ist. Dann plötzlich ein Wechsel raus aus der Wiederholung und die gesamte Spannung endlädt sich auf einen Schlag, um sofort wieder anzusteigen. Verse werden oft und über lange Zeit repetitiv gesungen, ein Satz zig mal wiederholt, bis er sich im Kopf des Zuhörers festsetzt. Das erzeugt einen Sog, der einen in die Songs zieht und die ganze düstere, traurige, und unruhige Gefühlswelt erspüren lässt, die sich in ihnen erstrecken.
Rückkopplungen sind schon fast obligatorisch für jedes Stück, und zusammen mit dem Schlagzeug werden mitunter richtige Brecher heraufbeschworen. Etwas aus der Reihe fällt ein eingeschobener in deutsch gesprochener Textabschnitt, wirkt allerdings ganz und gar nicht fehlplatziert, sondern vielmehr gekonnt integriert.
Während der ruhigeren Passagen weiß ein bestimmter Teil des Publikums leider oft nicht, wie man sich zu benehmen hat und übertönt des öfteren den dann so zerbrechlichen Gesang und die sanft gespielten Instrumente. Das tut dem Vergnügen aber glücklicherweise keinen Abbruch, genau so wenig wie das heute eingesetzte, hier optisch am allerwenigsten passende rosa glitzernde Drumkit...

Statt den Leuten die Sprache zu verschlagen, schaffen es Long Distance Calling selbst ohne ihr eigenes Zutun, dass die mittlerweile sehr beachtliche Meute vor der Bühne restlos austickt! Die fünf Herren aus der Münster Ecke stehen schon vor den ersten gespielten Tönen völlig verdutzt auf der Bühne und wissen gar nicht so recht, wie ihnen geschieht ("Ey, was ist denn hier los?").
Schon beim Aufbau der benötigten Utensilien wird klar, hier wird mit Fingerspitzengefühl und Akkuratheit an die Sache rangegangen, so muss Gitarrist Florian Füntmann seine Effektschalter erstmal einzeln aus ihren Schutzkartons befreien, um sie ordungsgemäß aufzureihen und anzuschließen. Dabei fällt auf: Die Band kommt mit dem Motto "weniger ist mehr" nicht nur gut, sondern meisterhaft zurecht! Wo ansonsten vergleichbare Truppen - und vergleichbar ist hier ein sehr dehnbarer Begriff - nicht ohne riesige Schalter- und Pedalarrays auskommen, reichen hier pro Kopf eine Hand voll Regler und ähnliches, um das Publikum mühelos wegzublasen.
Nein, vergleichbar ist das Quintett nun wirklich nur schwer. Man könnte sie am ehesten in die Post-Metal-Ecke einordnen, aber auch das geht nur mit mäßigen Schmerzen. Denn die ausschließlich instrumentalen Stücke, von ein paar eingespielten Samplern abgesehen, sprengen jegliche Genreketten. Ich präferiere am ehesten die Bezeichnnung Intelligenter Metal, denn das trifft es meiner Meinung nach am besten. Die Musik, die die Münsteraner spielen, klingt transparent, eingängig und lädt geradezu mit offenen Armen dazu ein, seinerseits selbst nach ihr zu greifen. Aber es sind komplexe, haarklein durchstrukturierte Epen. Jeder Ton, jede gespielte Note trägt das Lied ein Stückchen weiter, da wird nichts einfach nur so gemacht, jedes Zwischenspiel hat seinen Sinn.
Mit einer Freude und riesigem Elan sind sie am Werk, entlocken ihren Instrumenten mit einer derart großen Souveränität glasklare Soundkonstrukte, dass einem die Spucke wegbleibt. Das trifft sowohl auf die erfrischenden, ruhigen Parts zu, die des öfteren eine Tranquillität in den Raum zaubern, dass man davonschweben könnte, als auch auf die Teile, in denen mit wahnsinnigen Doublebasssalven und fetten Gitarrenriffs ordentlich Druck gemacht wird. Ja, der Spagat zwischen jenen ab und an auch nach Opeth zu Damnation-Zeiten klingenden Arrangements und der Wucht von reinen Metalbrettern, nur eben ohne Gesang und auf sehr gehobenem Niveau, gelingt ihnen sprichwörtlich im Handumdrehen. So abgestimmt die Musik daherkommt, so "tight" wirkt die Band beim musizieren, das Grinsen bekommen sie fast nicht mehr aus ihren Gesichtern. Eher witzig sieht dabei auch der Mann hinter dem Keyboardersatz (das Logo erinnert an eine Frucht aus der Gattung der Kernobstgewächse) aus, der genauso ausgelassen auf seinem "Instrument spielt", seinen Job aber natürlich ebenfalls hervorragend macht, denn die künstlichen Soundanteile verschiedenster Couleur machen einen nicht unerheblichen Teil im Klanggebilde aus.
Wie das Publikum den ganzen Gig über die Band abfeiert, ist gar nicht zu fassen, erst recht nicht für die Musiker selbst, die sich einander immer wieder fragende Blicke zuwerfen, ob hier noch alles mit rechten Dingen zugeht, aber natürlich hocherfreut sind über diesen wirklich überschwänglichen Zuspruch. Es ist eine einzige Party, für einige sogar der reinste Rausch. Da wird geschriehen und aus höchster Begeisterung heraus gelacht, als ob gerade der Schlüssel zum (Musik-)Paradies gefunden wurde. Garniert wird das ganze mit einschlägigen Ausrufen der Verzückung, die gekonnt von den Bühnenautoritäten aufgegriffen und verwertet werden.
Der letzte Song nutzt seine Zeit, das Spektakel ganz sanft und leise ausklingen zu lassen. Die Minuten verstreichen, in denen die Musik immer leiser und zerbrechlicher wird, bis sie am Ende ganz verstummt und Frieden zurücklässt. Unter riesigem Applaus verabschieden sich die Musiker von der Bühne, doch um die Zugabe kommen sie nicht herum. Ein letztes Stück wird gezockt, welches sie laut eigener Aussage wohl so selbst nicht allzu oft gespielt haben. Aber um ehrlich zu sein wird auch dieser Song mit bravour gespielt und die Band verabschiedet sich nach euphorischem Dank ans tosende Publikum in die Nacht. Die Zugaberufe sollen noch ein weiteres halbes Dutzend Minuten durch den Club schallen, bis sich die Menge vor der Bühne langsam mit hochzufriedenen Mienen auflöst...

Das war er nun, der zumindest für mich schonmal vorerst letzte Abend in der guten alten Substage. Die Festivalwoche geht noch weiter und wird den Club gebührend und ehrenhaft in den einstweiligen Ruhestand verabschieden. Doch die Erhebung aus der Asche (oder den Trümmern?) wird nicht lange auf sich warten lassen, denn schon im September wird es wieder heißen "Tore auf" für das Substage, dann auf dem alten Schlachthofgelände! Überirdisch, und sogar mit Licht, das durch Fenster kommen wird! So viel neues der Locationwechsel bringen wird, so bleibt aber auch sicher vieles beim alten, ganz besonders das, was das Substage auszeichnet: Erinnerungswürdige Konzerte in einem der sympatischsten Clubs, den ich in meiner Konzertkarriere bisher besuchen durfte!

Commenti

  • MrFair

    Ich kann dich gut verstehen, ich hätte deine Review wohl auch noch nicht gelesen, wenn ich meins noch nicht geschrieben hätte - sonst lässt man sich zu sehr beeinflussen. Aber du hast an soviel Gedacht, was ich eigentlich auch schreiben wollte... da hab ich doch einiges vergessen, aber dafür gibts dann ja auch noch dein Review (Notizen mit dem Handy sind wohl eine gute Sache ;) ). Ansonsten gefallen mir deine metaphorischen Ausdrücke mal wieder sehr gut und an einzelnen Stellen gabs auch wieder was zu lachen, super ^^

    Mag 16 2010, 9:16
  • King-Malkav

    Ich war dort und es war das beste Konzert was ich bis jetzt 2010 erleben durften. LDC haben alles weggeblasen. Ich war einer von den Verrückten aus der ersten Reihe, die sich die Seele aus dem leib geschriene haben. Nach dem Konzert haben wir am merch stand noch mit den jungs von LDC und at the soundown geredet, die sichtlich begeistert von dem Konzert und den Fans waren...

    Ago 9 2010, 9:59
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