"Dearly beloved..."

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Lug 7 2010, 13:45

Mon 5 Jul – Prince

"...we are gathered here today to get through this thing called life..."


Unter einem besseren Motto hätte der Abend gar nicht stehen können. Die Unnahbarkeit in Person, der letzte der Grossen Drei, der nicht sein Gesicht an die Peinlichkeit oder sogar den Tod verloren hat, gibt sich die Ehre: der sexy Motherfucker himself, der auf dieses Label heute galant verzichtet, nur um es umso definitiver noch einmal zu beweisen, The Artist Formerly And Now Again Known As Prince. We all know his name, we all know his songs.

Die Sonne geht unter über der Waldbühne, genauer: hinter ihr, sodass ihre letzten Strahlen die Zuschauer in den oberen, billigeren Plätzen zu blenden drohen. Als würde die Natur selbst den Künstler krönen wollen, der sich hier heute Abend die Ehre gibt. Die Location ist dem Anlass also durchaus angemessen, Wetter und Temperatur stimmen, in letzter Minute noch ein Bier besorgt – alle Voraussetzungen super.

Vom Block J aus hat man einen klasse Überblick, man kann prima Untersuchungen zur Demographie des Publikums anstellen. Wie vermutet tendenziell Ü30, aber ansonsten bunt gemischt: Lesben und Gays, Familien mit Kind, Althippies, Kinder der 80er, Leute im HipHop-Outfit (nach dem Konzert entdecke ich sogar Jan Delay in der nach draussen strömenden Menge) und ganz harmlos aussehende ältere Semester. Sie alle scheinen eine Sache zu teilen, das verrät der aufgeregte Glanz in ihren Augen. Symbol-Shirts sind auch auszumachen, ein Typ versucht seinem Idol sogar durch frappierende Ähnlichkeit Tribut zu zollen. Permanent werden Lieblingssongs genannt, die doch bitte unbedingt heute auf der Setlist stehen sollen: Kiss, Little Red Corvette, Sexy M.F.... Während des Konzerts wird ein Kind auf den Schultern seines Vaters immer wieder lauthals nach Alphabet St. verlangen; ein Wunsch der – wie wenige andere an diesem Abend – leider ungehört bleiben wird.

Die Euphorie steigt im Kessel der Waldbühne; kein vermeintlicher Musiker kann sich auch nur der Bühne nähern, ohne dass die Menge darauf reagiert. Es könnte ja... sieht der nicht aus wie... schau mal die Schlaghosen... Langsam wird mir persönlich die Sicht etwas zu bescheiden, ohne die Vergrösserung, die später auf den Bühnenhintergrund projiziert wird, ist kaum etwas zu erkennen. Man verkneift sich aufgrund dieser Tatsache sogar Witze über die Körpergrösse diverser Adelstitelträger, die sind ja sowieso schon total abgedroschen. Überlegungen zu Alternativen sind zunächst beschränkt, die Anwesenheit der Ordner versperrt den Weg nach vorne. Also sitzen bleiben, Bier trinken, vorfreuen.

Und dann ist da plötzlich Sheila E.. Ist das tatsächlich...? Ja, sie ist es. Die Leibhaftige, inzwischen zum klassischen Mutti-Typ geworden, schön, wenn man Leute mit so viel Würde älter werden sieht. Sie erinnert aber gleich wieder daran, mit wem man es hier eigentlich zu tun hat, als sie beginnt, unbenutzte Drumsticks ins Publikum zu werfen. Wo ist da denn der Reiz? Später wird das ganze glücklicherweise noch lustiger...

Wenige Minuten später ist die ganze Band auf der Bühne, als letztes betritt sie schließlich auch der Grossmeister höchstselbst. Mit Gitarre um den Hals, einen gewohnt feminin geratenen weissen Fummel tragend, auf dem (bei jedem anderen wäre das Grössenwahn) sein eigenes Konterfeit prangt. Aber Prince ist ein Ausnahmekünstler, einer, auf den diese Bezeichnung ausnahmsweise tatsächlich einmal zutrifft. Dieser Typ ist Komponist, er ist Multiinstrumentalist, seine Stimme hat einen Ambitus von gefühlten 25 Oktaven, über die er herrschaftlich verfügt, er hat eine Aura, die keine Fragen mehr offen lässt: hier betritt ein Künstler die Bühne. Und das ist heutzutage wirklich eine aussterbende Spezies. Geschweige denn von echten Superstars – ein Begriff, wie er heute kaum weichgespülter sein könnte, zur lediglichen Travestie seiner einstigen Bedeutung verkommen. Aber der Typ da, der hat es einfach, keine Frage. So souverän und von einer ansteckenden Leichtigkeit wirbelt er da über die Bühne, als wären die goldenen Zeiten nie vorüber gewesen, als hätte es niemals Zeiten der künstlerischen Verwirrung und kommerzieller Desaster gegeben.

Umso erfrischender sind die ersten Akkorde von Let's Go Crazy jetzt. Die Achtziger leben, sie atmen, sie sind hier. Später wird Prince dem Publikum zurufen „We are here... where are you?“ und es wird folgen – spätestens ab dem Jam am Ende einer sehr gelungenen, stark alterierten Version von Little Red Corvette ist die Anwesenheit der Security ziemlich negiert... Ganze Reihen aus den oberen Rängen strömen nach vorne vor die Bühne. Ich bin dabei, problemlos geht es die Treppen runter, an den rot Gewandeten vorbei, immer weiter vor, man lässt sich von der Dynamik führen und ist im nächsten Moment direkt vor der Bühne und wäre sogar auf sie drauf gekommen, hätte man sich etwas mehr beeilt. Eine Gruppe Glücklicher hat es geschafft – sie tanzen zwei drei Songs lang auf der Bühne mit, Prince lässt die Sache über sich ergehen, etwas mulmig wird ihm wohl, aber er macht professionell weiter. Die Leute sind über alle Massen friedlich, eine Frau lässt es sich nicht nehmen, dem Ex-Symbol einen Kuss auf die Backe zu drücken. All is full of love, quasi.

Ich bin mit meinem neuen Platz mehr als zufrieden, hier ist Rock and Roll. Bereits besagtes Kind mit Papi steht vor mir rechts, links daneben ein Engländer, der immer wieder verstörend nach hinten schaut, links und rechts von mir hysterisch tanzende Frauen, die ausnahmslos alle Texte mitsingen können. Das macht Laune. Und so geht es auch weiter im Set, das wirklich mit so gut wie allen Hits aufwarten kann: Kiss und 1999 fehlen ebenso wenig wie Nothing Compares to You und Controversy. Prince bedient über die meisten essentiellen Alben hinweg, ich persönlich hätte mir etwas mehr Sign 'O the Times gewünscht, aber wenigstens war Housequake mit dabei. Er spielt auch Covers, Crimson and Clover und einen Song von Chic, Sheila darf auch Love Bizarre singen. Wir sind hin und weg. Echt der Wahnsinn, die Stimmung ist der Hammer, die Leute rasten reihenweise aus. Was soll man sagen, selten so ein geiles Konzert besucht.

Ich weiss schon gar nicht mehr, wie viele Zugaben die letztendlich gespielt haben – oder vielmehr spielen mussten. Am Ende gab es nur noch einen ekstatischen Jam, mit Prince und Sheila an der Percussion in der Hauptrolle. Alles transzendiert sich noch einmal eine Bewusstseinsebene nach oben. Bei der finalen Zugabe war Prince' Kommentar tatsächlich „Are you kidding?“; die Band fotografierte sich selbst mit dem ausrastenden Publikum im Rücken. Das sagt eigentlich alles. Vermutlich bekommt selbst eine Combo dieser Qualität selten eine derart hysterische Resonanz.

Irgendwann – nach etwas mehr als zweieinhalb Stunden – ist das Konzert dann vorbei. Man bewegt sich langsam Richtung Ausgang, jetzt muss man ja diese ganzen Treppen wieder hoch. Man pfeift Purple Rain und freut sich über die vielen wunderbaren Einzelheiten des Abends: seine Gesten und Mimik während der Gitarrensoli, die Sängerinnen (wie hiess nochmal diese wahnsinnige Frau ohne Haare?), der Typ mit der Mundharmonika. Überall freuen sich Leute über gefangene Drumsticks oder benutzte Handtücher. Und hat da tatsächlich einer in der ersten Reihe eine Gitarre zugeworfen bekommen? Oder habe ich mich da getäuscht? Wundern würde es mich allerdings nicht, die ganze Atmosphäre war so friedlich und freiheitlich, dass da echt hätte alles passieren können. Thanks a lot, Prince. The world would be a way better place if more people would listen to you. Keep it going, wherever you are, whatever you do.

Commenti

  • Lootopia

    ...sehr schön eingefangen

    Lug 8 2010, 21:14
  • Billee_the_Kid

    Ja, er hat seine Gitarre in die vorderen Reihen gegeben. Ich hab es ganz genau gesehen und ich dachte ich spinne. Angeblich (laut bild.de oder so) hat derjenige sie später wieder zurückgegeben?! Aber am krassestens fand ich ja dass er dies nach Guitar tat!

    Lug 9 2010, 14:26
  • violator_de

    Nachdem Prince die Gitarre ins Publikum geworfen hat, ist sofort ein Security-Mann dahin und hat sie zurück geholt. Aus Block J konnte ich das gut beobachten.

    Lug 13 2010, 10:42
  • Gutzuwissen

    Bin so happy, dass ich das erleben durfte. Der Kerl ist so großartig!

    Lug 13 2010, 18:56
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